Wie ging man nach 1945 mit den Menschen um, die das NS-Regime unterstützt hatten und für den Massenmord verantwortlich waren?
Auf diesem Podest befinden sich mehrere Objekte, die Erinnerung und Verdrängung thematisieren.

Eines der Objekte ist die Forschungsarbeit, mit der sich der Arzt Heinrich Gross in den 1960er Jahren einen Namen machte. Die Basis seiner Forschung bildeten die Gehirne von Kindern, die ab 1941 in der Anstalt „Am Spiegelgrund“ auf der Baumgartner Höhe in Wien ermordet wurden, weil sie körperlich oder geistig beeinträchtigt waren oder aus sozial benachteiligten Familien stammten. Heinrich Gross war einer der Ärzte, die für ihre Tötung verantwortlich waren.

1948 wurde er verhaftet und schuldig gesprochen, jedoch nach einer Abänderung des Urteils bereits nach zwei Jahren aus der Haft entlassen. Somit konnte Gross seine Karriere fortsetzen: Er kehrte an die psychiatrische Abteilung für Kinder und Jugendliche „Am Spiegelgrund“ auf die Baumgartner Höhe zurück und wurde sogar deren Leiter.

Für seine Forschungen, die auf den Gehirnen der in der Einrichtung „Am Spiegelgrund“ in der NS-Zeit getöteten Kinder basierten, erhielt er 1959 den Theodor-Körner-Preis und 1975 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, das ihm allerdings später wieder entzogen wurde.

Als Psychiater wurde Gross zum gerichtlichen Gutachter. So saß er 1975 Friedrich Zawrel gegenüber, der als Kind in der Anstalt „Am Spiegelgrund“ war und die Verbrechen von Heinrich Gross und den anderen Beteiligten am eigenen Körper erlebt hatte. In einem Interview erzählt Zawrel von der Begegnung mit Heinrich Gross:

„Glei drauf sagt er: Sind Sie überhaupt schon einmal psychiatriert worden?
Dann war’s aus. Dann hab i gsagt, Herr Primarius, für an Akademiker haben S’ a sauschlechtes Gedächtnis.
Auf was soll ich mich denn erinnern können?
Sag ich, ja um Gottes willen, können S’ überhaupt noch ruhig schlafen? Stört es nicht, das Jammern der kleinen Kinder, die man bei Minusgrade auf dem Pavillon hat erfrieren lassen? Das war die Sinfonie eines Teufels, stört ihnen das garnet? Kennen S’ no ruhig schlafen, haben Sie den Krenek vergessen, den Jegelius, die Hübsch, die Türk, den Jockel, hab ihm sämtliche Ärzte aufzählt. Haben S’ das alles schon vergessen? Wie kommen S’ mit dem zurecht überhaupt?
Was, Sie waren da oben?
Der hat si zurückgsitzt in sein Sessel, so weiß worden wie der Plafond.“

Gross versprach daraufhin, Zawrel zu helfen. In Wahrheit verfasste er ein Gutachten, das Zawrel sechseinhalb Jahre ins Gefängnis brachte.

Obwohl in den 1980er Jahren kritische Mediziner und Medizinerinnen auf die von Gross mitverübten Verbrechen aufmerksam machten, fand erst im Jahr 2000 ein neuerlicher Gerichtsprozess gegen ihn statt. Die Verhandlung wurde nach 30 Minuten abgebrochen, da Heinrich Gross aufgrund von Demenz und Depressionen für vernehmungsunfähig erklärt wurde. Vielen erschien diese Beurteilung fragwürdig, vor allem da Gross kurz nach der Verhandlung in einem Kaffeehaus Interviews gab, in denen er sich an viele Details erinnerte und sagte: „Ich glaube, man könnte mir nichts nachweisen.“

Gross verstarb 2005 im Alter von 90 Jahren. Dass ein NS-Täter in der Nachkriegsgesellschaft wieder einflussreiche Positionen einnehmen konnte, war kein Einzelfall.


Mit einem Auszug aus:
Oral History Interview mit Friedrich Zawrel – 4. Teil, Österreichische Mediathek


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